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Die Lage
Das alte Weberdorf Marlesreuth
liegt am Ostrand des Frankenwaldes,
635 Meter über dem Meeresspiegel
zwischen Naila und Döbraberg und
zählt zur Zeit etwas mehr
als 700 Einwohner.
Zur Gemeinde Marlesreuth
gehörten die Weiler Bärenhaus und Nestelreuth,
sowie die Einöden
Garles und Molkenbrunn.
Ortsansicht ca. 1960
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Der Name
Der Name unseres Ortes wurde verschieden
gedeutet, doch scheint die von Studienrat Heinrich Schuberth, Hof,
nämlich Marksreut, als Reut
am Mark d. i. dem Grenzholz, die richtige Deutung zu sein;
So wird Marlesreuth bei seiner
ersten urkundlichen Erwähnung am 18. März 1362 als "Marksreuth"
bezeichnet.
Das bedeutet Reut (=Rodung) am
Mark (=Grenzgebiet).
Tatsächlich lief in alter
Zeit durch Marlesreuth die Grenze des Burggräflich-Nürnberger,
später Markgräflich-
Brandenburger Amtes Schauenstein
und des Bischöflich-Bamberger Amtes Radeck, später Enchenreuth.
Zu dieser Zeit stand das Dorf
unter der Herrschaft der Wildensteiner.
Sie stammten aus der Familie
von der Grün und nannten sich, nach ihrer an der Steinach gelegenen
Veste, Wildenstein.
Was unser Ort im Laufe seiner
wechselhaften Geschichte erlebte, hat in hingebungsvoller Kleinarbeit Herr
Schulrat i. R. Hans
Silbermann in der Marlesreuther
Ortschronik niedergeschrieben.
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Die Bebauung
damals
Nach seiner Siedlungsform ist
Marlesreuth ein Waldhufendorf. In der Dorfmitte befindet sich der Anger,
außenherum, an den
Hängen hingebettet, liegen
die Höfe am Anfang ihrer zusammenhängenden Flur. Hinter dem Haus
breiten sich die Wiesen aus,
daran schließen sich die
Felder an, den Abschluß bildet der Wald. Im Talgrund erstreckt sich
die Peunth. Überragt werden die
Häuser von Kirche und dem
Schloß auf dem Wallhügel.
Von einer Kapelle in Marlesreuth
ist erstmals im Jahre 1440 die Rede. Diese wird 1576 bei einem Gewitter
zerstört.
An ihrer Stelle wird das heutige
Gotteshaus erbaut. Mit ihrem barocken Kanzelaltar und den 25 Bildtafeln
der Kassettendecke
zählt sie zu den schönsten
Kirchen im Landkreis. (siehe auch Kirchengemeinde)
So lebten die Bauern unter
ihrer jeweiligen Herrschaft recht und schlecht, im Sommer mußten
sie sich plagen; denn da waren die
Tage länger; im Winter konnten
sie kürzer treten. Reich konnte dabei natürlich keiner werden,
denn der Mensch hat eben nur
zwei Hände und was erzeugt
wurde, das reichte gerade für Lasten und Abgaben und vielleicht auch
noch zum Leben.
Alles, was zum Leben außerdem
benötigt wurde, mußte selbst gefertigt werden. So wurden aus
Schafwolle und Lein (Flachs)
die Bekleidungsstücke erstellt.
Die Werkzeuge und Arbeitsgeräte mußten ebenfalls selbst geschnitzt
werden.
Zu keiner Zeit hatte der Ausspruch:
"Die Axt im Haus erspart den Zimmermann!" mehr Gültigkeit als zu jener
Zeit.
Deshalb gehörte zu jedem
Hof ein Geräteschuppen, in ihm standen mindestens eine Hobelbank und
eine Schnitzbank.
Dort entstanden im Winter alle
Dinge und Gerätschaften aus Holz, Stroh und Weiden.
Die Ortsflur war also aufgeteilt.
Die Menschen aber wurden mit
der Zeit immer mehr. Den Hof konnte aber immer nur einer erben.
Wie und wo aber lebten die nachfolgenden
Kinder? Sie lebten entweder als Ledige auf dem elterlichen Hof oder machten
als Verheiratete mitsamt ihrer
Familie Taglöhner und Knechte. Als Wohnung wurde ihnen ein kleines
Trüpfhäuslein gebaut.
Diese hatten alle den gleichen
Grundriß; ca. 7 m lang und 6 m breit. Von derHaustüre aus ging
es gleich auf den Boden,
unter der Bodenstiege lag eine,
Falltüre, die den Zugang zum Keller versperrte. Geradeaus ging es
in den Stall,
der durch ein kleines Fenster
Licht erhielt. Seitlich lag der Eingang zur Stube.
Also nur ein einziger bewohnbarer
Raum im ganzen Haus; denn auf dem Dachboden lagen Stroh, Heu und das Holz.
Der Kleiderschrank, die Laden
mit den Wäschestücken und die Betten standen da, wo eben der
beste Platz sich anbot.
Solche Trüpfhäuser wurden
immer mehr gebaut. Ihre Bewohner aber meisterten das Leben dadurch, daß
sie sich neben ihrer Tag-
löhnerarbeit Berufen zuwendeten.
So gab es Schmiede, Zimmerer (vor 75 Jahren gab es auch noch einen "Mühlarzt")
und Weber.
1812 gab es in Marlesreuth 16
Güter, 18 Gütlein, 1 kl. Gütlein (35 bäuerliche Anwesen).
Hinsichtlich der Berufe finden wir:
35 Bauern, 3 Zimmergesellen,
3 Schmiede, 1 Schneider und 9 Webermeister. Marlesreuth zählte damals
79 Hausnummern,
darunter finden wir 42 Trüpfhäuser,
1 Kirche und 1 Schulhaus. |
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Das Bild zeigt zwei Trüpfhäuser
im Jahre 1960.
Das hintere Haus ist jetz renoviert
und als "Weberhaus"
bekannt.
Es steht unter Denkmalschutz
und ist heute als Museum
eingerichtet, welches zum Heimatmuseum
in Naila gehört.
Die Öffnungszeiten sind beim
Fremdenverkehrsamt Naila
zu erfahen. |
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Marlesreuth
- ein Weberdorf
Ein Dreivierteljahrhundert später
sieht unser Dorf schon anders aus.
Vom großen Anger in der
Dorfmitte sind nur 2 Feuerteiche und eine kleine Grünfläche,
die stolz den Namen Anger trägt,
übriggeblieben. Der vorhandene
Raum ist in der Zwischenzeit bebaut worden.
Die kleinen neugebauten Häuser
kuscheln sich an die beiden Talhänge unterhalb der Bauernhäuser,
die den äußeren Ring
bilden. An das Haus grenzt ein
Pflanzgärtchen, in dem die Hausfrau ihre Gewürze und ein paar
Blumen heranzieht.
Wer wohnt nun in diesen Häusern?
Es sind die Weber.
Weberstuben sieht man heute ja
des öfteren in Museen; aber waren sie auch wirklich so? Die Stubendecke
durchzog ein Träger-
baum. An ihm befand sich ein
Brett und darauf lagen die Bibel, Gesangbücher, Rasierzeug und der
Tabak. Den meisten Raum
aber nahm der Webstuhl, das Wieb,
ein. Nicht weniger Platz benötigte auch der Kachelofen mit der Ofenbank.
Die Spulräder mit Zubehör
(Garnhaspeln, Garnhaufen und Spulenkörbe) forderten den restlichen
Raum.
Es gab Weberstuben, die hatten
nicht einmal Platz für einen Tisch, der war während der Arbeitszeit
an die Wand geklappt.
Beim Essen wurden die Spulräder
einfach in den Hausflur gestellt.
In solchen Häusern wohnten
nicht selten Familien mit 10 Köpfen.
Trotzdem ging es: Die kleinen
Kinder hatten ihren Spielplatz unter dem Webstuhl, für die größeren
gab es nichts zum Spielen,
da hatte jedes seine Aufgabe.
Das eine mußte Zettelspulen (Kette), ein anderes mußte der
Mutter unter die Arme greifen,
Holz holen, Wasser tragen usw.
Die älteren Kinder, so 11-12 jährige durften Schuß spulen.
Das war schwer und mußte
verstanden sein; denn wehe, wenn eine Spule beim Weben schlauderte, wenn
der Faden sich nicht
gleichmäßig abziehen
ließ, dann gab es Maulschellen und die hatten es in sich.
Der Vater aber thronte hinter
dem Webstuhl auf der Wiebschwarten und schnellte drauflos.
Seine Augen aber waren überall
und es herrschte Ordnung. Ging die Weberei gut, dann konnte man den Herrn
des Hauses
nicht selten singen hören.
Die Hände warfen im Takt die Schützen und die Füße
traten in einem langsamen Marschtempo
die Schemel (Schäfte) nieder.
Begann aber die Dämmerung, dann trat Ruhe und Frieden in den Weberstuben
ein.
Der Weber setzte sich auf die
Ofenbank und rauchte ein Pfeifchen oder er ging schnell einmal zum Nachbarn
"ös Dorf".
Dort wurden die Tagesereignisse
besprochen. Manchmal traf man sich um diese Zeit auch im Wirtshaus zu einem
Seidla Bier.
Bei solchen Gelegenheiten konnte
die Familie daheim meistens ihre Kartoffeln und Weberkarpfen (Heringe)
allein essen.
Aber sonst waren die Weber gemütliche
Leute und Sinnierer. Sie strebten auch vorwärts und wenn es einigermaßen
ging,
dann kauften sie sich von einem
Bauern so 2-3 Tagwerk Land und nun reichte es auch für das Leben.
Schlechte Zeiten konnten auf
diese Weise leichter überbrückt werden. Wenn in dieser Zeit Bauernhöfe
ihre Besitzer wechselten,
so kam dies bei den Webern seltener
vor, es sei denn, daß einer gar zu tief ins Glas schaute oder daß
er andauernd schlechte
Arbeit fertigte.
1880 hatte Marlesreuth 110 Häuser
und 800 Einwohner, davon betrieben 125 Weberfamilien 185 Webstühle;
denn auch in die Bauernhäuser
zog der Webstuhl ein.
Marlesreuth wurde also ein Weberdorf.
Reich sind die Menschen durch die Weberei damals ja nicht gerade geworden,
aber ihr Blick öffnete sich
für die Welt, dabei blieben sie trotzdem zufrieden.
Kommt ein Fremder aber heute nach
Marlesreuth, so sieht er nichts mehr von seiner ursprünglichen Form.
Die Neubauten schieben sich an
verschiedenen Stellen weit in die Gemeindeflur hinein.
Bis 1955 konnten wir nur von
Naila her gut erreicht werden, jetzt ist die Verbindung auch zu unseren
westlichen Nachbarn besser.
Ja unser Ort hat eben wieder
sein Gesicht geändert. Wer war nun schuld daran? Nun, die Weberei
oder besser gesagt,
die Textilindustrie.
Die fast 200 Handwebstühle,
die ehedem ihr "Gilla-Digalla" erschallen ließen, sind alle verstummt.
Unser letzter Handweber legte
1960 im Alter von 76 Jahren die "Schnelln" aus der Hand.
Der mechanische Webstuhl trat
auch in Marlesreuth seinen Siegeszug an und verdrängte so nach und
nach das alte "Wieb".
Auf manchem Dachboden liegen
noch alte Geschirre und alte Blätter, und verstauben.
Die Schränkstäbe werden
nur noch an Ostern zum Eierkugeln verwendet und da zerbricht auch einer
noch dem andern.
Von dieser Zeit zeugt noch das
Weberhaus in der Nailaer Straße, das seit einigen Jahren zum Heimatmuseum
in Naila gehört. |
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Der letzte Handweber in Marlesreuth
an seinem Handwebstuhl. |
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Industrialisierung
Doch auch das Zeitalter der Industrialisierung
macht vor Marlesreuth keinen Halt.
Johann Thomas Munzert zeigte
Marlesreuth den Weg. Er war Bauer und nebenbei auch Handweber. So ergab
es sich,
daß er bald auch den Posten
eines Faktors übernahm und nun eine Vermittlerrolle zwischen Arbeitgeber
und Arbeitnehmer
bekleidete.
1908 aber baute er selbst die
erste mechanische Weberei nach Marlesreuth.
Im Websaal liefen 20 Stühle,
die von einer Gasmaschine angetrieben wurden.
Schon 1910 wurde sie durch ein
Dampflokomobil ersetzt, und ein kleiner Generator mußte für
das nötige Licht sorgen.
Als 1919 Marlesreuth an das elektrische
Stromnetz angeschlossen wurde, da war der Bann endgültig gebrochen.
1922 waren es nun 52 Stühle,
die ihr Lied sangen.
Die alte Leinenweberei ging ihrem
Ende entgegen, dafür wurden Glauchauer Artikel hergestellt und in
Meerane (Sachsen)
weiter ausgerüstet. Von
dort wanderten die "Schottenstoffe" in alle Welt.
Ende der zwanziger Jahre stellte
sich der Betrieb auf die Damastweberei um und arbeitete im Lohn für
Baumwollindustrie
Erlangen-Bamberg AG".
1920/21 baute Baron von Wangenheim
aus Hildburghausen eine Weberei.
Ihr Betriebsleiter wurde Hans
Munzert, eine Neffe des Johann Thomas Munzert.
Während der Inflation 1923
starb aber der Besitzer, und seine Erben verkauften den Betrieb an die
Fa. Max Funke, Meerane.
Herr Ernst Richard Funke erweiterte
laufend die Fabrikationsräume, so daß bis zu 150 Arbeiter Beschäftigung
fanden.
Daneben baute er 18 Werkwohnungen
für Arbeiter und Angestellte, außerdem verschaffte er unserem
Ort einen neuen Zufahrts-
weg, die nach ihm benannte Ernst-Richard-Funke-Straße.
Auch sonst hatte er für gemeindliche und schulische Belange
immer eine offene Hand.
Für diese seine Verdienste
um Marlesreuth verlieh ihm der Gemeinderat am 8. Dezember 1938 das Ehrenbürgerrecht.
Der bedeutendste Betrieb der Gegenwart
ist aber ohne Zweifel die Weberei Gebrüder Munzert.
1925 machten sich die beiden
ältesten Söhne des Johann Thomas Munzert, Georg und Heinrich,
selbständig
und begannen mit acht Webstühlen.
Bei ihrem 25 jährigen Betriebsjubiläum
arbeiteten für sie 100 Webstühle und eine Schlichterei.
Das Werk ihrer Väter führten
die Enkel des Johann Thomas fort.
Sie hielten mit der Zeit Schritt
und erweitern und vervollkommnen fortwährend ihr Erbe.
Ihre Erzeugnisse, Damaste und
Dekorationsstoffe, wurden nicht nur in Deutschland gekauft.
Schon aber faßt die moderne
Zeit hier Fuß.
Im Sommer 1960 übernahm
die Fa. Rehau-Plastiks die Weberei Funke und seit 6.Februar 1961 werden
bei uns auch Erzeugnisse
aus Kunstoffen hergestellt.
Die Weberei des Johann Thomas
Munzert wurde stillgelegt.
Von diesen ehemals 3 großen
Webereien existiert heute nur noch die
Firma Gebrüder
Munzert GmbH.
Bilder aus den 60er Jahren
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Diese wirtschaftliche Entwicklung
besonders nach 1945 wirkte sich natürlich auch auf den gesamten Ort
aus.
Einstöckige Trüpfhäuser
sind recht selten geworden.
Auch hausen die Menschen nicht
mehr so zusammengepfercht wie in früheren Zeiten;
denn von 1945 bis 1962 wurden
37 neue Häuser erstellt.
Ebenso sieht man den Aufschwung
an den Straßen.
Schon Johann Thomas Munzert sorgte
als Bürgermeister für eine gute Verbindung nach Naila.
Diese Straße wurde 1955
bis Döbra verlängert. Nach Haidengrün führt ebenfalls
seit einigen Jahren eine gepflegte Straße.
Innerhalb des Ortes verschlang
der Straßenbau seit 1949 Hunderttausende von DM.
Da und dort finden wir Stützmauern,
die auch die Gemeindekasse belasteten.
Ein eindrucksvolles Ehrenmal,
zur Erinnerung an die Gefallenen der beiden Weltkriege, und ein würdiges
Leichenhaus
fügen sich seit einigen
Jahren gut in die Umgebung der Kirche ein.
Das alte gemeindeeigene Schulhaus
beherbergt jetzt die Gemeindekanzlei und eine saubere Lehrerwohnung.
Doch der Markstein unserer 600-Jahrfeier
ist das neue Schulhaus, das 1961 eingeweiht wurde.
Ein paar Zahlen der Gegenwart
mögen für sich selbst sprechen:
1950 hatte unsere Gemeinde 1094
Einwohner, davon 245 Vertriebene, 185 Personen waren in der Landwirtschaft
tätig.
1962 zählt die Gemeinde 970
Einwohner, Bauern sind es 31;
daneben beschäftigen sich
noch 21 Gütler mit Landwirtschaft als Nebenerwerb.
Verfasser: Hans Dill
Anmerk.: Dieser Artikel stammt
aus der Festschrift anläßlich der 600 Jahrfeier der Gemeinde
Marlesreuth im Jahre 1962. |
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Seit den 60er Jahren führt
Marlesreuth ein eigenes Wappen, das die Geschichte des Dorfes in sich vereint.
Es ist in der Mitte senkrecht
gespalten und zeigt links die Wildensteiner Farben, Rot mit einem silbernen
Schrägbalken
und rechts Blau mit einem schräggestellten
Weberschiffchen.
So vereinigen sich in ihm die
alte und die neuere Zeit unseres Heimatortes Marlesreuth.
Mit seiner Eingemeindung nach
Naila verliert Marlesreuth 1978 seine Eigenständigkeit. |